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14. OKTOBER 2009
ÜBER EINE MILLIARDE MENSCHEN HUNGERT
Über eine Milliarde Menschen hungert: FIAN fordert Neuorientierung des Welternährungssystems am Recht auf Nahrung
Wien, 14. Oktober 2009: FIAN, die weltweite Menschenrechtsorganisation für das Recht auf Nahrung, kritisiert anlässlich des Welternährungstages, dem 16.10., den Umgang der Staatengemeinschaft mit dem sich dramatisch ausbreitenden Hunger weltweit. Im Jahr 2008 war eine Rekordernte zu verzeichnen, trotzdem sind im gleichen Jahr 120 Millionen Menschen mehr als zuvor Hunger ausgesetzt. Zwischenstaatliche Organisationen haben sich überwiegend auf das Verteilen von Nahrungsmitteln, Saatgut und Dünger beschränkt – den Mut grundlegende Änderungen an den strukturellen Rahmenbedingungen anzugehen, hat die Staatengemeinschaft aber bisher nicht aufgebracht. Dabei beweisen die ständig steigenden Zahlen der weltweit hungernden Menschen, dass das gegenwärtige Welternährungssystem mit seinem freien Spiel der Märkte und straffreier Verantwortungslosigkeit sein Ablaufdatum überschritten hat.
DI Gertrude Klaffenböck, Sektionskoordinatorin bei FIAN-Österreich verwendet den Begriff Welternährungskrise zusehends selten, da „der Begriff Krise mit einem plötzlich aufgetretenen, temporären Phänomen assoziiert wird. Das Gegenteil jedoch ist der Fall: Die gegenwärtige Situation, die eine Milliarde Menschen täglich dem Hunger preisgibt, stellt unter anderem das Ergebnis von politischen Entscheidungen dar, die in den letzten Jahrzehnten getroffen wurden und bei denen das grundlegende Recht dieser Menschen, sich zu angemessen ernähren zu können, mit einer Nonchalance missachtet wurde, die ihres gleichen sucht. Es ist dringend an der Zeit, diese milliardenfache Menschenrechtsverletzung zu stoppen und die Politiken zu beenden, die den Hunger immer wieder neu organisieren.“, fordert Klaffenböck bei der Präsentation des Right to Food and Nutrition Watch 2009.
Ein aktuelles Beispiel dafür stellt die Wiedereinführung der EU-Exportsubventionen für Milch dar. „Die LandwirtschaftsministerInnen der EU sollten endlich erkennen, dass sie damit den Kleinbauern und –bäuerinnen in EU-Ländern ebenso wie den Bauern und Bäuerinnen in Entwicklungsländern einen Bärendienst erweisen.“, kritisiert Brigitte Reisenberger von FIAN-Österreich die aktuelle EU-Milchmarktpolitik. „Der freie Markt geht mit Verdrängungsprozessen einher, mit katastrophalen Folgen für Milchbauern und – bäuerinnen etwa in Afrika und ihren österreichischen KollegInnen. Beide eint die Forderung nach kostendeckenden Preisen für ihre Produkte und existenzsichernden Löhnen für ihre Arbeit. Das Recht auf Nahrung von afrikanischen Milchbauern und -bäuerinnen ist in Gefahr, wenn die europäische Milchschwemme aus hochsubventionierten Überschüssen die lokalen Absatzmärkte zusammenbrechen lassen und ihre ohnehin geringen Einkommensquellen versiegen.“ Auch in Österreich protestieren Milchbauern und –bäuerinnen seit Jahren. Die Diskussionen im Rahmen der Filmtage „Hunger.Macht.Profite.“, die in diesen Wochen in verschiedenen Bundesländern laufen, zeigen, dass sowohl Milch-KonsumentInnen als auch –ProduzentInnen sich dieses Zusammenhanges durchaus bewusst sind. „Umso dramatischer ist es anzusehen, dass die EU-Agrarminister sich bisher zu keinen Maßnahmen durchringen konnten, die das Überleben von Milchbauern und –bäuerinnen langfristig sichern“, so Reisenberger.
Mit Blick auf den Welternährungsgipfel Mitte November 2009 in Rom und mit der FAO-Re-Organisierung stehen wichtige Entscheidungen an. Gemeinsam mit sozialen Bewegungen und zahlreichen NGOs verlangt FIAN eine grundlegende Reform der internationalen Ernährungspolitik. Das FAO-Komitee für Ernährungssicherung (CFS) muss die Koordination, Strategiebildung und Überwachung der internationalen Ernährungspolitik übernehmen. Die dringend erforderliche Kontrolle bzw. Steuerung des weltweiten Ernährungssystems würde somit in der UN-Fachorganisation angesiedelt, in der jedes Land eine Stimme hat. Das stellt eine demokratischere Alternative zu den an finanziellen Beiträgen orientierten Organisationen wie der Weltbank dar. Zuletzt wurde von der US-Regierung am G20-Gipfel in Pittsburgh gefordert, die von den G8 zugesagten 20 Milliarden US-Dollar für die Landwirtschaftsentwicklung einem Trust Fund der Weltbank zu übertragen. Damit wären Stimmrechte bei den Entscheidungen zur Ernährungspolitik nur von den finanziellen Beiträgen abhängig. Auch die EU und ihre Mitgliedsstaaten sind aufgefordert sich am Handlungsbedarf für die Durchsetzung des Rechts auf Nahrung zu orientieren. Sie sind aufgerufen der finanziellen Austrocknung der UN-Fachorganisation entgegenzuwirken und für gleichberechtigte Mitbestimmung jener Regierungen zu sorgen, die Arme und Ärmste weltweit repräsentieren, wenn es um Fragen der Hungerbekämpfung geht.
Weitere Informationen:
Gertrude Klaffenböck 0650 4055511, Brigitte Reisenberger 0699 11114864 Weitere Hintergrundinformationen: Right to Food and Nutrition Watch 2009
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